Das Alter der Clus-Kirche

Vom 17. Jahrhundert an sind die meisten Veränderungen an der Clus-Kirche durch Akten belegt. Über ihre Entstehungszeit gab es lange Zeit nur Vermutungen. Die Auswertung von Grabungsergebnissen beim Bau des Glocken-turmes 1972 und beim Anbau auf der Westseite 1974/75 brachte neue Erkenntnisse.

Bei den Ausschachtungsarbeiten zur Vergrößerung der Kirche auf der Westseite traten die Fundamente eines Vorbaus zutage, etwa da, wo sich heute die Orgelbank befindet. Er war uns in seinen Ausmaßen zwar bekannt, nicht aber in der Bedeutung für die Baugeschichte. In einem Plan von 1774 befand sich der Eingang zur Kirche in der Mitte der Südseite (dort bis 1975). Zu dieser Zeit diente der Vorbau als Wagenschuppen. Durch die Ausschachtungen entdeckte man aber mehr. Es wurde der alte Eingang des Vorbaus ganz freigelegt. Er hob sich, da aus Ziegelsteinen bestehend, deutlich von der 80cm starken Grundmauer aus Elmkalkstein ab. Gleichfalls aus Ziegeln führte von dem Eingang der Vorhalle eine Pflasterung zu dem alten Hauptportal der Kirche auf der Westseite, während der übrige Boden mit Kalkplatten ausgelegt war. Der Vorbau ist jünger als die Clus-Kirche, da seine Mauern keinen Verbund mit ihr haben und sich unter der Pflasterung eine Brandschicht befindet. Wahrscheinlich wurde der Vorbau als Windfang zur Zeit der Herzoginwitwen, sei es Sophie um 1573 oder Elisabeth um 1623, angefügt. Übrigens gab es bis etwa 1771 noch einen Anbau an der Nordseite, der bis dahin als Sakristei diente.

Unter der Traufe auf der Westseite befand sich ein Gesimsstein mit der Inschrift „ludike ians“. Von ihm berichtet der Rektor der ehemaligen Lateinschule Sigismundus Cuno in seinen Memorabilia Scheningensia von 1728, dass nach alten Überlieferungen der Stein einst über dem Altarfenster an der Außenwand im Osten angebracht gewesen sei. Lüdike Jans war Baumeister gewesen und hatte 1482 die Leichenhalle vor der St. Vincenzkirche errichtet. Dieser Baumeister dürfte an der Instandhaltung der Kirche wesentlich beteiligt gewesen sein. Als später die Ostwand der Clus-Kirche umgebaut wurde, versetzte man den Stein unter die Traufe auf der Westseite, aber nicht in die Mitte, sondern seitlich. Entweder war zu dieser Zeit der Vorbau schon vorhanden oder im Bau. Sicher ist also, dass die Clus-Kirche spätestens um das Jahr 1482 erbaut worden war. Vermutlich ist sie sehr viel älter: Reste des Hauptportals wurden vor Abbruch der alten Westwand sichtbar. Über dem 2,56m breiten Eingang wölbte sich ein Halbbogen mit einer Scheitelhöhe von 2,90m. Seine mörtelverputzte Innenseite wies Spuren roter Farbe auf.

Bei Gottesdiensten mussten sich die vom Aussatz Befallenen in diesem Vorbau aufhalten, da sie wegen ihrer ansteckenden Krankheit nicht mit in den gemeinsamen Kirchenraum durften. Das Portal war für sie geschlossen. Es wies aber sehr wahrscheinlich ein kleines Fenster auf, durch das sie dennoch am Gottesdienst teilnehmen konnten. Später wurde dann dieser Eingang zugemauert und die neue Tür auf die Längsfront der Südseite verlegt.

Mit den ehedem kleinen und sparsamen Rundbogenfenstern, die erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts zu den heutigen Maßen ausgebaut wurden, ergibt sich mit dem großen Westportal und den 1m starken Wänden ein Bau, dessen Wesen noch ganz dem romanischen Stil verhaftet ist. Im Vergleich zur Baugeschichte der Stadtkirche St. Vincenz müsste die Clus-Kirche demnach vor 1347, dem Zerstörungsdatum der Stadt durch den Erzbischof Otto von Magdeburg, errichtet sein. Zu dieser Zeit hatte sich nämlich auch im Abseits gelegenen Schöningen die Gotik erfolgreich durchgesetzt. Den Bau der romanischen Kirche wie den des dazugehörigen Klosters kann man also bereits vor 1300 vermuten.

In einem Visitationsbericht von 1767 heißt es: „Die Clauskirche ist so baufällig, daß man den völligen Einfall fürchten muß, wenn ihr nicht bald geholfen wird Den Bau hat die Hochfürstl. Cammer zu besorgen..“ Daraufhin erfolgte eine gründliche Überholung im Äußeren wie im Inneren. Als erste wurde die Sakristei auf der Nordseite entfernt. Die Fenster wurden erst 1859 auf ihre heutige Größe gebracht.