Ökumenische Bibelwoche 1996

Ein hartes Jahr für die Gemeinde, das Gemeindeleben stagniert. So fällt in diesem Jahr nach über zwanzig Jahren die ökumenische Bibelwoche erstmals aus. Im Gemeindebrief steht dann:

"In der ursprünglich geplanten diesjährigen Bibelwoche wollten wir uns mit Aussagen des Propheten Micha beschäftigen. Manche kennen Sprüche von ihm. Der eine ist: "Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist..." (Kap. 6,8) und der andere kommt aus den Weissagungen . ... Schwerter zu Pflugscharen ..." (Kap. 4,3). Sonst kennen wir kaum etwas von ihm. Seine Botschaft ist auch nicht gerade leicht. Eher hart und unbequem. Er ruft zur Umkehr. Insbesondere für die "oberen Zehntausend" in Gesellschaft, Kirche und Staat ist er störend, manchmal geradezu unwillkommen. Micha kennt dagegen die Sorgen des "kleinen Mannes". Er ist aufgetreten etwa zwischen 750 und 690 vor Christus. Er hat mutig seine Botschaft vertreten, so dass man noch nach 100 Jahren von ihm redete, obwohl er selber nichts Schriftliches hinterlassen hat. Was wir heute von ihm lesen können, wurde mündlich weitergegeben und später von anderen aufgeschrieben. Die Ökumenische Bibelwoche hat in unserer Gemeinde schon eine lange Tradition. Alle Gemeinden der Stadt beteiligten sich an ihr, Jeder war herzlich eingeladen, mitzuhören oder auch mitzureden. Ein Abend lief etwa so ab: Nach einer Einführung in einen Textabschnitt setzten wir uns in einigen Gruppen zusammen und diskutierten über die sich aus dem Text ergebenden Fragen, Probleme und Einsichten. Besonders theologisch ging es dabei selten zu, denn es redeten überwiegend Laien miteinander. Es war sehr schön, einmal ganz unkompliziert Brücken zu schlagen zu anderen Konfessionen, nicht das Trennende hervorzuheben, sondern das Verbindende zu suchen. Bis zu 70 Teilnehmer hatten wir in früheren Jahren. Diese Zahl wurde von Jahr zu Jahr kleiner. Dabei zeigen Bibelkreise in den Gemeinden, dass das Kennenlernen von Bibeltexten, von Hintergründen, von Zusammenhängen zur eigenen persönlichen Situation durchaus von Interesse ist.

Das nachlassende Interesse soll nun Anlass sein, über andere Konzepte nachzudenken, bisher unerfüllte Erwartungen zu erkennen und zu berücksichtigen. Unsere Zeit erlebt in kurzer Zeit vielfältige Änderungen. Warum nicht auch Änderungen bei der Bibelwoche, wenn ihre Form keinen Anklang mehr findet. Natürlich wäre es uns lieb, Resonanz zu finden. Vielleicht erfahren wir einmal Ihre Meinung, schriftlich oder mündlich."

Korrespondenz und Gespräche mit OLKR Becker

Die ausgefallene Bibelwoche ist nur eines der negativen Signale vom stagnierenden Gemeindeleben. So schreibt Dallmer schließlich am 26. März 1996 an OLKR Henje Becker:

... durch die Versetzung von Herrn Pastor Meyer in die Propstei Bad Harzburg ist die Kirchengemeinde Clus seit dem 1. Februar 1996 ohne Pfarrer. Bis heute gerechnet eine scheinbar kurze Vakanzzeit. Trotzdem wende ich mich als stellvertretender Kirchenvorstandsvorsitzender (der Vakanzvertreter, Herr Pastor Rosin ist Vorsitzender) an Sie, weil wir meinen, daß wegen der besonderen Krankheitsgeschichte von Pastor Meyer die Clus-Gemeinde in den letzten sechs Jahren schon eine sehr viel längere Zeit ohne aktiven Pfarrer hat auskommen müssen:

- etwa ein Jahr Ausfallzeit nach einer umfangreichen Operation im April 1993  - nach kurzer Zeit des Aufbruchs im Jahre 1994 mit neuen Aktivitäten wieder sehr lange Ausfallzeiten im Jahre 1995
- durch die Ausfallzeiten abnehmende Kontinuität in der Gottesdienstarbeit

- Konfirmandenarbeit nach unterschiedlichen Zwischenlösungen durch Herrn Pfarrer Barche und Frau Koch-Barche. Eine Fortsetzung durch Belastungen in der eigenen Gemeinde ist nicht mehr möglich.

- die Gemeinde ist grundsätzlich bereit, die Lasten und Mängel zu tragen, sieht sich aber in ihren Hoffnungen auf eine Besserung oder Normalisierung immer wieder enttäuscht, Zeichen der Unzufriedenheit nehmen zu

- Vorstandmitglieder können einige Probleme auffangen, ihre Möglichkeiten sind jedoch beschränkt, es fehlt eben zu häufig der Pfarrer, es fehlt der Seelsorger

- die Zusammenarbeit mit den anderen Gemeinden stagniert

Eine kurze Vakanz und doch schon eine lange wegen der umfangreichen Ausfallzeiten und der geringeren Belastbarkeit von Herrn Pfarrer Meyer in der Zeit, in der er seinen Dienst versehen konnte. Wir bitten daher, die Wiederbesetzung der Pfarrstelle Clus als sehr dringlich anzusehen.

In seiner Antwort vom 01. April 1996 schreibt OLKR Becker u.a.:

... Mir ist die von Ihnen geschilderte Situation Ihrer Kirchengemeinde sehr deutlich. Wir werden alles versuchen, um mitzuhelfen daß möglichst bald eine Besetzung geschieht.

Ich weiß gut, daß durch die Krankheit von Herrn Pfarrer Meyer die Gemeindearbeit schon die letzten Jahre außerordentlich belastet war bzw. quasi Vakanzsituationen herrschten. Um so dankbarer bin ich dem Kirchenvorstand, daß er sich mit großem Kraftaufwand und Zeiteinsatz um die Gemeinde und um die Interessen der Familie Meyer gekümmert ... hat. .... Ich sehe die Vakanz von Clus als sehr dringlich an. Wir müssen sehen, wie die Möglichkeit der Entsendung von Probedienstlern aussieht. Ich weise immer wieder bei Gesprächen gerade auch auf Ihre Kirchengemeinde hin. Herrn Landesbischof Krause habe ich von Ihrem Schreiben informiert.


Bis Juli 1996 wartet die Gemeinde vergeblich. Am 27.07.96 schreibt der Kirchenvorstand an die Ev.-luth. Landeskirche mit über 100 Unterschriften von Gemeindemitgliedern:

... Wir möchten mit diesen Listen aber klar dokumentieren, dass diese Gemeinde auch von ihrer Basis her eine baldige Beendigung der Vakanzzeit wünscht.

Am 12.08.96 antwortet wieder OLKR Becker:

... es hat uns sehr bewegt, wie Sie zusammen mit den vielen Damen und Herren, die sich auf der Unterschriftenliste eingetragen haben, sich für die Belange der Clus-Kirchengemeinde einsetzen. Die Bitte so vieler Menschen, die Pfarrstelle wieder zu besetzen, zeugt nicht nur vom Interesse an der Kirche, sondern vom Engagement und von der Notwendigkeit pfarramtlicher Versorgung. Dies ist alles andere als selbstverständlich in unserer Zeit, wir danken Ihnen sehr dafür.
...
Wir wissen, daß diese gesamten Vorgänge uns um so mehr verpflichten, das Äußerste zu tun. Wir können Ihnen versichern, daß wir dieses wirklich tun. Sie wissen, daß wir keine Pfarrerinnen und Pfarrer versetzen können. Dieses gute protestantische Prinzip ist natürlich sehr hinderlich in einer sehr drängenden Situation. Aber sicherlich ist es richtig, daß nur die/der Ihre/Ihr Pfarrerin/Pfarrer sein sollte, die/der sich frei entscheidet und für die/den Sie sich frei entscheiden. Wir können Ihnen versichern, daß gerade durch den Landesbischof wie den Personalreferenten immer wieder Pfarrerinnen und Pfarrer angesprochen werden, sich doch um diese so gute Pfarrstelle in Clus Schöningen zu bewerben. Auch jetzt ist der Personalreferent wieder mit einigen im Gespräch. Leider war bislang noch kein Erfolg zu verzeichnen.


Wenn es nicht zu einer Bewerbung kommt, werden wir alles, was wir tun können, versuchen, von denen, die im Oktober Examen machen bzw. auf eine Anstellung warten und die wir aus Finanzgründen z.Z. nicht sofort übernehmen konnten, eine geeigneten Kandidatin oder einen geeigneten Kandidaten zu finden.

Wir danken Ihnen für Ihr Engagement. Wir bitten Sie, daß Sie Ihre Liebe zu dieser Gemeinde behalten und nicht den Mut verlieren. Wir versichern Ihnen noch einmal daß wir das Äußerste tun, um diese Pfarrstelle wieder zu besetzen.


Zusätzlich gibt es ein Gespräch von OLKR Becker zusammen mit Herrn Dallmer, Frau Seidenfaden und Propst Fischer. Später, auch nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst, hat Dallmer noch mehrfach Gelegenheit, mit OLKR Becker zu reden. Er hat ihn außerordentlich schätzen gelernt. Er war ein Mann, dem wir vertraut haben, der mit menschlicher Größe, mit christlicher Nächstenliebe und Sachkompetenz in seinem Amt uns unvoreingenommen begleitet hat. Sein früher Tod hat uns betroffen gemacht.

Die Versehung der vakanten Pfarrstelle durch einen Pfarrer im Probedienst

Im Oktober kann schließlich im Gemeindebrief geschrieben werden:

... Vor wenigen Tagen hat uns nun das Landeskirchenamt mitgeteilt, dass ab 1. Januar 1997 die Pfarrstelle Clus wieder besetzt werden kann mit einem jungen Pfarrer, für den es die erste selbständige Stelle sein wird. Ein Name wurde uns noch nicht mitgeteilt. Wenn Sie diese Nachricht in den Händen haben, werden wir sicher sehr viel mehr wissen. Wir freuen uns jedenfalls und wünschen schon jetzt, dass sich unser neuer Pfarrer hier wohl fühlt.

Am 29.10.96 "nimmt der Kirchenvorstand zur Kenntnis, dass die Kirchenregierung die Versehung der vakanten Pfarrstelle durch eine Pfarrerin / einen Pfarrer im Probedienst in Aussicht stellt. Der Kirchenvorstand verzichtet für die Zeit der Versehung unserer Pfarrstelle auf eine weitere Ausschreibung und seine Mitwirkung an einem Besetzungsverfahren". Dann endlich wird der Name genannt: Olaf Brettin, geb. 1962