Die vierteilige Andachtstreihe „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin!“ von Alexander Dölecke stammt aus den Monatsbriefen "Clus aktuell" Februar, März, April und Mai 2008.

Vorwort

„Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin!“ – Wenn Paulus auf sein Leben schaut, dann beschreibt er es mit diesem Satz (1Kor 15,10). Vor allem eines macht er damit deutlich: Alles, was wir sind, alles, was wir haben, das sind und haben wir allein durch Gottes Gnade, durch das, was er uns geschenkt hat und schenkt.

Ausgehend von diesem Satz, vier Grundbestimmungen unseres Lebens vor und mit Gott näher betrachten: Wir sind ERwartet, ERlöst, ERweckt, ERfüllt. Dabei können wir den Blick wagen, weil ER schon alles getan hat.

1. Teil: ERwartet – ich werde von Gott gedacht.

Stell dir vor: ein lauer Sommerabend, eine sternenklare Nacht. Eine große Wiese, weit und breit keine Häuser. Kein Straßenlärm ist zu hören, vielleicht ein paar Vögel, die auf einem Baum in der Nähe sitzen. Der Horizont ist kaum zu sehen. Du liegst auf dem Gras, es ist warm und weich. Du schaust in den Himmel, siehst die unendliche Weite der Sterne. Der Mond scheint auf die Erde. Und du denkst nach: über dich und über deine Familie, deine Freunde, über das, was dir wichtig ist, und vielleicht auch über Gott. Vielleicht redest du mit ihm.

Von einem Menschen, der in dieser Situation über sich und das Mensch-Sein allgemein nachgedacht hat, ist ein Gebet überliefert (Ps 8,2.4.5):

„Herr, unser Herrscher,
wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde;
über den Himmel breitest du deine Hoheit aus. –
Seh ich den Himmel, das Werk deiner Finger,
Mond und Sterne, die du befestigt:
Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst,
des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“

Staunend blickt der Mensch hier in den Himmel, er sieht die Größe der Schöpfung Gottes und kann nur noch stammelnd fragen: „Was ist der Mensch?“ – Und gleichzeitig merkt er: Gott denkt an ihn. ER nimmt ihn an. „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst?“

Auch an anderen Stellen, an denen die Bibel über Schöpfung redet, dichtet sie. Manchmal bleibt sie dabei ziemlich unklar, manchmal wiederum ist sie sehr direkt und sehr ehrlich. Sie verheimlicht nicht, was Mensch-Sein ausmacht; sie redet sich den Menschen nicht schön, sondern sieht ihn so, wie er ist: zerrissen zwischen gut geschaffen und Böses im Sinn, zwischen das Gute wollend und doch so oft nur Versagen. Sie weiß, wozu der Mensch fähig: zu so großartigen Leistungen, zur Liebe aneinander und zum Lob Gottes, aber sie weiß auch von den tiefsten Abgründen des menschlichen Miteinanders, das zum Gegeneinander geworden ist.

In all dem Realismus macht sie immer eines ganz klar: Gott kennt uns. – Und ER liebt uns. – ER liebt uns, weil ER uns kennt. ER liebt uns, obwohl ER uns kennt. Beides gilt. Ein anderes Gebet, ein Schöpfungslied singt davon (Ps 139,1b-2.5.15.16):

„Herr, du kennst mich.
Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir.
Von fern erkennst du meine Gedanken. –
Du umschließt mich von allen Seiten
und legst deine Hand auf mich. –
Als ich geformt wurde im Dunkeln,

kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde,
waren meine Glieder dir nicht verborgen.
Deine Augen sahen, wie ich entstand,
in deinem Buch war schon alles verzeichnet,
meine Tage waren schon gebildet,
als noch keiner von ihnen da war.“


Von Anfang an denkt Gott uns. ER hat sich etwas dabei gedacht, als ER dich erschaffen hat. Schöpfung meint nicht nur den Anfang der Welt, sondern jeden Einzelnen: Du bist kein gedankenloser Zufall. Du bist ERdacht, „kunstvoll gewirkt“, mit Liebe in diese Welt gezeichnet. Gott vergisst dich nicht, ER behält dich im Gedächtnis.

Weil aber der Mensch nicht immer dem entspricht, wie er gedacht ist; weil wir unsere Bestimmung verfehlen, Gott und die anderen zu lieben; weil wir zerrissen sind zwischen der Hinwendung an Gott und der selbstsüchtigen Anbetung der eigenen Wünsche – deswegen mischt sich in Gottes Gedanken vor allem einer: den der Sehnsucht, dass der Mensch zu ihm kommt. Ja, ER sehnt sich nach uns und ER wartet auf uns. Wir werden ERwartet. Wenn wir uns aufmachen zu ihm, reißt ER die Tür auf und läuft uns entgegen – und wir können ankommen.

Kommen wir noch einmal zurück zu dem Bild vom Anfang: Auf der Wiese liegend, vor der unendlichen Weite unserer Welt staunend, unsere Möglichkeiten und unsere Grenzen vor Augen, dürfen wir eines wissen: So wie die Großmutter sich auf den Besuch des Enkels freut, so wie die Ehefrau sich sehnt nach der Ankunft ihres Mannes nach einer langen Dienstreise, so wie wir uns manchesmal den Frühling nach dem Winter wünschen, so wie es Kinder vor dem Heiligen Abend kaum aushalten können – so werden auch wir ERwartet.

2. Teil: ERlöst – ich werde wieder aufgerichtet.

Nachdem zunächst das Thema Schöpfung und das sehnsüchtige Warten Gottes zur Sprache kam, ist nun mit Erlösung das Thema im Blick, das im Zentrum des christlichen Glaubens steht. Es kann hier aber nicht darum gehen, das Kreuzesgeschehen auch nur annähernd vollständig zu erfassen. Allenfalls wenige Aspekte können angesprochen werden, so dass ich im Folgenden nur einige Schlaglichter auf das zu werfen versuche, was mir beim Nachdenken darüber wichtig geworden ist. Drei Fragen sollen dabei das Thema umkreisen: Wie, wovon und wozu werden wir erlöst? – Alle drei zu bedenken, jeweils einzeln und dann auch gemeinsam, lohnt sich sicherlich immer wieder neu.

Das, was bei der Erlösung geschieht, kann nicht einfach statisch in festen Lehrsätzen ausgedrückt werden. Das Erlösungsgeschehen ist vielmehr eine dynamische Beziehung zwischen mir und Gott, die mich immer wieder an Jesus Christus verweist und mich gleichzeitig immer wieder herausfordert, mein Leben vor Gott zu sehen.

ERlöst – wie?

Wir sind erlöst. ERlöst. Das ist das erste Wichtige, was festzuhalten ist: ER ist es, der uns löst. Gott in Jesus Christus ist derjenige, der alle Erlösung bewirkt. ER löst. Wir können uns nicht selbst befreien. Wir suchen so oft den Weg heraus aus der Irre, aber wir irren nur mehr umher. Niemand anderes kann uns erlösen, befreien, herausholen aus dem, was uns umstrickt. – Und: Gott tut es. ER ist sich nicht zu schade, ER nimmt alles auf sich. ER verlässt den Himmel, Gott wird Mensch.

Was bedeutet das eigentlich? Es hilft, sich das ruhig ganz plastisch vorzustellen: volle Windeln, wunder Po, fürchterlicher Gestank. Eine Familie, Schwestern und Brüder, vielleicht nicht immer ganz einfach. Ein Volk in einer komplizierten Situation, oft wird er Opfer von Lügen und Machtspielchen. Ein Freundeskreis, ein paar enge Vertraute, ein ganz normaler Beruf. Sehnsüchte und Träume, Hoffnung und Enttäuschungen.

Deshalb ist Jesus so besonders: Er weiß, was es heißt, ein Mensch zu sein, hier auf der Erde. Aber er kennt auch die andere Seite: den Himmel. – Am Ende hängt er dazwischen. Zerrissen. Nur noch schreiend. Er gibt alles, er verliert alles, am Ende gewinnt er alles: „Es ist vollbracht.“ Auf Golgatha ist alles bezahlt.

ERlöst – wovon?

Was aber ist bezahlt? Was umstrickt uns? Was muss Gott lösen, damit wir in Freiheit leben können?

Der Mensch lebt grundsätzlich getrennt von Gott: Wir suchen unser Glück nicht bei ihm, wir wenden uns von ihm ab. Wir fragen nicht nach seinen guten Weisungen für unser Leben. Wir wissen selbst besser, was gut für uns ist.

Die Folgen davon beschreibt die Bibel klar: Diese Trennung müssen wir leben. In ihrer Konsequenz kommen Leid, Krankheit und vor allem der Tod ins Spiel. Der Tod setzt uns eine Grenze – am Ende unseres Lebens, aber auch schon mittendrin: Wenn unsere Pläne von einem schönen Leben nicht erfüllt werden… Wenn wir an den Forderungen der anderen verzweifeln… Wenn wir unsere Freundschaften selbst zerstören, obwohl wir es eigentlich gar nicht wollen…

Jesus Christus befreit uns durch sein Sterben am Kreuz und durch seine Auferstehung aus aller Verstrickung in Leid, Sünde und Tod. Weil ER selbst das alles überwunden hat, haben auch der Tod und die Trennung von Gott nicht das letzte Wort über unserem Leben. All das, was unser Leben schwer machen will, all das, was unser Leben so sehr in Beschlag nehmen will: Christus hat es endgültig weggenommen. Das ist die befreiende Botschaft vom Kreuz.

ERlöst – wozu?

Mit der dritten Frage kommt noch einmal eine andere Dimension ins Spiel: die Dimension der Zukunft. Jetzt kommt das Ziel in den Blick. Warum geht Gott diesen Weg? Was bewegt ihn, das Teuerste zu geben, um uns zu erlösen?

Man kann es vielleicht so formulieren: „Gott will zu einem neuen Menschen kommen.“ – Das ist das Ziel seines Handelns.

Ein Mensch, der in Freiheit vor ihm lebt. Ein Mensch, der frei von allen Bindungen, von allen Stricken des Todes seine Freiheit vor Gott lebt (Gal 5,1):

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit,
steht also aufrecht
und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Sklaverei fangen.“

Als zur Freiheit Befreite können wir unser Leben neu in die Hand nehmen: Wir müssen nicht mehr nach den Gesetzen des Marktes, nach den Vorstellungen der anderen, nach unseren Überlegungen, was am klügsten, geschicktesten ist, leben. – Wir dürfen leben, wie Gott uns meint. Denn: Alles ist schon vollbracht.

Jesus Christus befreit uns zu Menschen, die den aufrechten Gang gehen können – vor Gott aufrecht, vor den anderen und auch vor mir selbst. Ich kann mir, den anderen und Gott endlich in die Augen sehen.

„Das Kreuz aber, das mich fesselt, rettet mich“ – dieses Wort aus einem Drama von Paul Claudel macht deutlich: Das Kreuz, das uns befreit, bindet unser Leben gleichzeitig ganz an die Liebe Gottes und ihren Anspruch an uns. Seine Maßstäbe, seine Weisungen sollen nun unser Leben prägen. Der Theologe Fulbert Steffensky nennt die Zehn Gebote deswegen „Anweisungen für das Land der Freiheit“. Wir sind befreit zur Liebe: zur Liebe an Gott, zur Liebe am Nächsten, zur Liebe auch an uns selbst und sogar zur Liebe an dem, der uns das nicht erwidert.

Ja, das Kreuz macht mich frei, rettet mich. ER löst mich – und ich bin ERlöst.

ERlöst – ER ist es, der das tut. ER selbst. Gott ist sich nicht zu schade.
ERlöst – Er befreit uns von den Verstrickungen der Sünde und des Todes.
ERlöst – Er setzt uns frei zu einem Leben mit ihm, zum liebenden Tun des Gerechten. Wir können endlich den aufrechten Gang gehen und allen Menschen in die Augen sehen.

3. Teil: ERweckt – ich werde angesprochen.

Vor einigen Tagen beim Ostergottesdienst haben wir uns das einander wieder zugesprochen: Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden! Und manchmal singen wir im Gottesdienst: „Der Herr lebt! Gepriesen sei mein Fels. Ich will den Gott, der mich erlöst hat, hoch erheben.“ Damit wir nehmen dann ein altes Gebet auf (Ps 18,47) und drücken so den österlichen Jubel aus, unsere Freude, die Freude der Welt, dass Gott seinen Sohn nicht im Tod gelassen hat, dass vielmehr alle Welt sehen und erleben kann: Er lebt.

Und Jesus sagt: Es geht dabei nicht nur um mich. Das alles bedeutet noch mehr. Ich lebe und ihr sollt auch leben (Joh 14,19). Die Hand Gottes hält euch auch über den Tod hinaus. Die Totenklage kann endlich verstummen, ihr dürft ein neues Lied lernen: Jesus lebt – mit ihm auch ich!

Jesus lebt …

Unglaublich. Nicht von dieser Welt. Das passt nicht zu unseren Vorstellungen, von dem was wahr ist und was wahr sein kann und was wahr sein darf: am dritten Tage auferstanden von den Toten. Jesus lebt. Gott legt alle seine Kraft hinein in dieses eine Leben. Seine Schöpfungskraft, die alles neu macht und sogar den Tod überwindet.

ERweckt – die Bibel berichtet vom Ostermorgen: Maria von Magdala geht früh hinaus zum Grab. Und sie sieht: Nichts. Der Stein ist weg. Der Herr ist fort. Es gibt eine große Aufregung bei den Jüngern. Sie wissen nicht, was passiert ist.

Später steht Maria allein vor dem Grab und Jesus begegnet ihr. Ein Satz, den man schnell überliest: „Sie meint, es sei der Gärtner.“ (Joh 20,15) Maria ist traurig, sie weint. Jesus spricht sie an und gibt sich ihr so zu erkennen. Am Ende weiß sie: Es ist der Herr. Er hat mich angesprochen. Und er sendet mich in die Welt.

Ich denke nach: Warum wird Jesus an diesem Morgen nicht als der Erlöser der Welt gefeiert? Warum gibt es nicht eine Riesenparty mit Festessen und Lobpreis? Wieso überstrahlt sein Licht nicht die ganze Stadt? Wie kann es eigentlich sein, dass man ihn stattdessen für den Gärtner hält? – Und während ich so frage, merke ich: Jesus verändert unsere Bilder. Unsere Vorstellungen davon, wie er ist, sie werden durchbrochen: Er triumphiert nicht, sondern er bleibt niedrig auch an seinem großen Tag. Er wird nicht überheblich, sondern er bleibt zugänglich. Er will nicht Recht haben, sondern er wirbt um jeden Einzelnen und steht für Gerechtigkeit.

Jesus ruft Maria mit ihrem Namen, sie kennt seine Stimme. Ihre Tränen werden getrocknet. Sie erkennt: Der Herr lebt. Und das ändert alles – auch für mich!

… mit ihm …

Plötzlich ist alles neu. Ich lebe und ihr sollt auch leben – das heißt: Mit dem Tod wird nicht alles aus sein. Jesus ist der erste, für den das wirklich wurde. Und wer ihm folgt, der wird ihm auch darin folgen: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Am Ende werden wir vor Gott stehen, sein Lob singen, den Himmel genießen, den Tod verlachen: „Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel“, heißt es im Philipperbrief (3,20), und dass unsere Namen im Buch des Lebens stehen (4,3).

Dieser ‚Umzug’ kann und wird aber unser Leben bereits hier verändern: Ich muss nicht mehr daran hängen, dass ich alles Glück hier und jetzt erlebe. Ich bin frei davon, dieses Leben als das Entscheidende zu sehen. Mein Leben bekommt eine neue Überschrift. Und die gilt schon jetzt.

Die Perspektive, die Aussicht auf das, was kommen wird, ändert unser Handeln schon in der Gegenwart: Wir freuen uns mit denen, die lachen; wir umarmen, die weinen. Wir beten für die, die noch nicht dazugehören. Wir lieben die, die uns auslachen. Wir setzen uns ein für den Frieden. Wir kämpfen für Gerechtigkeit. Auferstehung macht aufständisch (die Worte hängen eben nicht nur sprachlich eng zusammen). Wir zeigen dem Tod, dass er besiegt ist. Unrecht wird Unrecht genannt, die Unterdrückten bekommen Recht. Was ist, muss nicht so bleiben. Die ‚Fakten’ müssen nicht mehr dominieren. Ein Senfkorn kann alle Mächtigen unterwandern. In der Gemeinde ist nicht die Macht mächtig. Vom Himmel geprägt, sehen wir die Welt mit den Augen des Gekreuzigten. Wir leben schon jetzt in Gottes neuer Welt und hoffen und beten, dass er sein Erlösungswerk zu einem guten Ende führt.

Alexander Garth, Pfarrer in einer Plattenbausiedlung in Berlin, schreibt in seinem sehr lesenswerten Buch (Warum ich kein Atheist bin, Asslar: Gerth, 2008, S. 165): „Es gibt einen Sieg Gottes. Er wird die Welt vollenden. Sie wird nicht im Chaos versinken. Die Finsternis wird nicht siegen. Die Betrüger und Unterdrücker, die Verbrecher und Terroristen der Welt werden nicht gewinnen. Die Freiheitskämpfer, die für die Armen und Entrechteten ihren Kopf hingehalten haben, sind nicht die Dummen und Loser der Geschichte. Es gibt eine letzte Gerechtigkeit, und die wird sich durchsetzen.“

Weil Jesus lebt, sollen auch wir leben – nicht erst im Himmel (da auch und ich freue mich schon auf das große Festmahl), sondern bereits im Hier und Jetzt. Das Leben gewinnt!

IKEA fragt: Wohnst du noch oder lebst du schon? – Jesus fragt: Bist du noch bei dir oder lebst du schon für mich? Hältst du noch fest an deinem Leben hier oder lebst du schon als Bürger im Himmel?

… auch ich!

Ein altes Lied (Jes 50,4) kann uns in dieses Leben den Weg weisen:

 „Jeden Morgen weckt er mir das Ohr,
dass ich höre, wie ein Jünger hört.“


ERweckt – Maria hört die Stimme Jesu. Hören wir seine Stimme? Nehmen wir wahr, wo er uns ruft, schon hier und jetzt aufständisch zu sein gegen den Tod?

ERweckt – jeden Morgen beginnt ein neuer Tag. Die Nacht ist zu Ende. Die Sonne geht auf. Immer wieder ein Zeichen, dass er uns ruft.

ERweckt – Jesus lebt und er will uns aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit reißen. Die, die zu ihm gehören, folgen ihm nach auf dem Weg des Lebens.

Wer zu ihm gehört, der hört auf ihn – jeden Morgen neu – und gestaltet so sein Leben. Vielleicht nimmst du dir in den nächsten Tagen und Wochen bewusst dafür Zeit: erweckt werden von Gott, dem Tod entgegen für das Leben kämpfen, als Himmelsbürger aufstehen, seinem Wort folgen. Vielleicht wird das ja auch dein Morgengebet:

„Sprich zu mir, wecke mir das Ohr,
dass ich höre, wie ein Jünger hört!“

4. Teil: ERfüllt – ich kann losgehen.

Vor einigen Wochen bin ich umgezogen. Nur einige Straßen weiter – und doch war es eine Menge Arbeit. Kisten mussten gepackt, Möbel transportiert und Umzugshelfer organisiert werden. Ich bin in ein Wohnheim gezogen: 14 nette Leute kennen lernen. Aber ich musste mich erst ein wenig an die vielen neuen Mitbewohner gewöhnen. Auch die Wege sind jetzt neu und der nächste Supermarkt ist plötzlich woanders. Was aber am meisten Arbeit gemacht hat: allen Leuten, Familie, Freunden, Firmen, Institutionen – man könnte sagen: der ganzen Welt – meine neue Adresse mitteilen.

Unser Zuhause: bei Gott

Die Bibel berichtet davon, dass wir als Christen auch eine neue Adresse bekommen: Wir gehören in den Himmel. „Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel“ (Phil 3,20). Das Leben bekommt eine neue Überschrift, wir haben ein neues Zuhause. – Das ist auch mit einigem Eingewöhnen verbunden, manches müssen wir neu lernen und manches ist vielleicht am Anfang ungewohnt (und wird es auch nach Jahren noch sein).

In dieses Zuhause ziehen wir ein; wir fangen an, darin zu leben. Wir richten uns ein und machen die Zimmer wohnlich. Wir entdecken immer wieder Neues und Schönes. Wir beginnen Freundschaften und feiern immer wieder, dass das, was wir sehen, nicht alles ist. Wir freuen uns auf die Zeit, wenn wir sichtbar mit Gott wohnen, und leben schon jetzt unser neues Leben. Wir verwurzeln mehr und mehr in Gott. – Aber wir bleiben dabei nicht stehen: Gerade weil wir unser Bürgerrecht im Himmel haben und weil wir bei Gott zu Hause sind, können wir losgehen zu den anderen.

Unser Weg: zu den anderen

Wir machen uns auf und wir bewegen uns. Wir verteilen unsere neue Adresse und erzählen begeistert von dem, was wir gefunden haben. Wir laden alle anderen ein, einmal vorbeizukommen, das Haus kennen zu lernen, die Menschen darin und vor allem: den Gastgeber.

Der Gastgeber in unserem Haus, Gott, er lädt uns ein in sein Haus, aber nicht um abgeschottet darin zu leben, sondern dass wir hier ein Zuhause finden und dann wieder losgehen zu den anderen.

„Ich will dich segnen. Und du sollst ein Segen sein.
In dir sollen gesegnet sein alle Völker auf der Erde.“


Mit diesen Sätzen (Gen 12,2.3) wurde Abraham herausgerufen aus der Welt, aus den Vielen; er erlebt Segen und soll ein Segen sein. Die, die zu Gott gehören, sind herausgerufen aus dieser Welt und sind aufgerufen, erfüllt vom Segen Gottes, ein Segen für die anderen zu sein. – Unser Zuhause: bei Gott. Unser Weg: zu den anderen. Unser Auftrag: sie segnen.

Wir begegnen den anderen mit ihren Hoffnungen und Träumen, mit ihren erlebten Enttäuschungen und mit ihrer ganzen Suche nach Sinn und Antworten, mit ihren Fragen nach Gerechtigkeit und mancher Resignation vor dem Unrecht dieser Welt. Wenn wir ihre Suche ernstnehmen und ihre Fragen hören, dann fragen sie uns auch: Was sagt ihr? Was habt ihr für Antworten? Wie kann man glücklich werden? Wo finde ich ein Zuhause? Und was tut ihr eigentlich gegen das Unrecht?

Dann merken wir, dass wir immer wieder vor großen Herausforderungen stehen: global-ethisch, aber auch in den Nöten vor Ort. Und immer wieder sehen wir: Diese Welt braucht Hilfe, die Menschen brauchen Menschen, die für sie sind, die nicht nur von Lösungen reden, sondern Wege gehen und für Gerechtigkeit und eine bessere Welt kämpfen. Und die auf den einen Weg und das Haus verweisen...

Die Kraft, den Weg zu gehen und ihn immer zu zeigen, erhalten wir vom dem, der am Ende wartet: Wir werden mit Gottes Kraft erfüllt. Und wenn wir in Gott verwurzelt sind, werden wir bei den Menschen ankommen. Wirklich ankommen. Wir verurteilen sie nicht, weil sie nicht dazugehören, sondern wir sind offen für ihre Suche, für ihre Fragen und Wünsche. Und wir kümmern uns um ihre Probleme, um die Probleme und die Fragen der Welt. Was sonst heute keiner mehr macht, das machen wir... So sind wir ein Segen.

Unser Auftrag: sie segnen

Wir wurden gerufen, ein Segen zu sein. Herausgerufen aus der Welt. Was ist mit den Anderen? Sie werden gesegnet. Herausgerufen sein, heißt nicht, wir haben nichts mehr mit der Welt zu tun und sind gegen die Anderen, sondern es heißt, wir sind im tiefsten Sinn für die Anderen. Sie werden gesegnet.

Wir sind gerufen, ein Segen zu sein. Und alle zu segnen. Und zwar so, dass sie es auch selber als Geschenk, als Segen empfinden. Wir sollen segnen und nicht fluchen. Wir sind herausgefordert, allen anderen das zu tun, was wir uns selber wünschen, und das zu lassen, was wir selber nicht erleben wollen. Wir sollen lieben – Gott, uns selbst, die anderen und selbst die, die uns das nicht erwidern… Und darin zeigen wir der Welt Jesus und Gottes Liebe, die alles tut und selbst die Grenzen des Todes überwindet.

Unser größtes Geschenk an die Welt: Wir laden sie ein. Und wir teilen, was wir haben. Wir teilen unsere Fragen, unsere Zweifel, unsere Gebete, unsere Wünsche, unsere Träume, unser Kämpfen für Gerechtigkeit, unser Glück, unsere Überzeugungen, unseren Glauben, unsere Hoffnung, unsere Liebe. – Und wir nehmen ihre Fragen, ihre Zweifel, ihre Gebete, ihre Wünsche und Träume und Hoffnungen ernst. Wir speisen sie nicht mit billigen Antworten ab, sondern fragen nach und hören zu.

Und wir schenken der Welt unsere Fragen an sie: Ist das, was wir sehen, wirklich schon alles? Hat dieses Leben nicht noch mehr zu bieten? Was ist der Sinn? Warum stehen wir morgens auf? – Und wir teilen unsere Antworten, unser Glück, wir teilen Jesus. Wir wollen ihn nicht für uns behalten, sondern geben ihn gerne weiter.

„Durch Gottes Gnade…“

Wir sind eine Gemeinde mit Menschen, die das alles bei sich erlebt haben:

Wir haben gemerkt, Gott hat sich etwas dabei gedacht, als er uns geschaffen hat, und wir werden von ihm immer wieder ERwartet.

Weil Christus alles für uns gegeben hat, können wir ERlöst den aufrechten Gang gehen.

ERweckt aus der Gleichgültigkeit hören wir auf seine Weisungen zum Leben.

Bei Gott verwurzelt und vom Segen ERfüllt können wir uns aufmachen und bei den anderen ankommen als Segen.

Ich wünsche mir und träume: Wenn wir später einmal zurückschauen auf unser Leben, dann sehen wir, wie wir geworden sind, was wir sind. Ich hoffe sehr, dass wir auch sehen, was Gott mit uns gemacht hat und was durch uns geworden ist. Und dann können wir – das ist mein Gebet – einstimmen in den Satz des Apostels Paulus, der als Überschrift über unser Nachdenken über unsere Identität als Christen stand (1Kor 15,10):

„Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin,
und sein gnädiges Handeln an mir
ist nicht ohne Wirkung geblieben.“