von Lothar Willeke

Meine Frau Karen und ich sind mittlerweile viele Jahre in unserer Gemeinde und besuchen regel­mä­ßig den Gottesdienst. Seit letztem Jahr bin ich im Kirchenvorstand der Clus-Kirche Schöningen. Das war vor einigen Jahren völlig unvorstellbar.

Bei unserer Hochzeit mit 19 Jahren glaubte meine Frau schon an Gott. Bei mir war das nicht so, ganz im Gegenteil. Für Gott und Glauben hatte ich – außer Hohn – nichts übrig. Alle Menschen, die an Gott glaubten, waren für mich Spinner. Mein Vater starb 1986 nach langer Krankheit an Krebs, für mich das erste Erlebnis mit dem Tod eines nahen Menschen. Ich war allein dabei, als er starb. Diese Erfahrung hatte mich tief geprägt. Fragen waren in mir aufgekommen, die ich mir vorher nie gestellt hätte. Mein Leben hatte nach der Konfirmation keinen Bezug mehr zu Gott oder Kirche und trotzdem kam ich ins Grübeln: Was kommt nach dem Tod?

In meinem Leben gingen viele Dinge schief und ich war innerlich gefrustet. Da ich keine Arbeit als Kaufmann, sondern auf meine Be­­­wer­­bun­gen eine Absage nach der anderen bekam, suchte ich mir einen kräfte- und nervenraubenden Job als LKW-Fahrer. Im Laufe der Jahre staute sich mein Frust immer mehr auf und ich entwickelte einen regelrechten Hass gegen Menschen. Die­sen Frust bekam meine Frau Karen ab. Sie las viel in der Bibel und das brachte mich zur Weißglut. Als ich erfuhr, dass sie auch für mich betete, verbot ich es ihr. Alle Bibeln, die ich fand, wurden verbrannt. Nur eine gab ich ihr unter flehendem Bitten zurück. „Was war nur mit ihr los? Warum war ihr Gott so wichtig? Was soll an Gott nur so gut sein?”

Immer mehr lebten wir uns aus­ein­an­der. Dann kam der Abend, den wir beide nie vergessen werden. Ich kam von der Arbeit nach Hause und Karen hatte Essen gemacht. Die Pommes waren etwas zu hart geraten und das ließ mich völlig aus­rasten. Nach wüsten Beschimpfungen ging ich mit einem Messer auf meine Frau los. Kurz vor dem Zustechen erkannte ich, was ich da tat, und ließ das Messer fallen. Karen hatte Todesangst. Ich bekam Angst vor mir selber, setzte mich in mein Auto, fuhr auf die Autobahn und wollte dem Ganzen ein Ende setzen. Die Autobahn war schnell erreicht und ich suchte nach einem geeigneten Brückenpfeiler. Der Sicherheitsgurt war abgemacht, doch ich fand keinen Pfeiler ohne Leitplanken. Nach 80 Kilometern wollte ich die Autobahn verlassen und um­drehen, doch direkt in der Abfahrt fiel der Motor aus. Der Wagen rollte aus und mein Leben lief wie ein Film vor meinem inneren Auge ab. Ich dachte nur: „Sogar zu dumm zum Umbringen bin ich.”

Das Auto sprang nach einer Weile wieder an und ich fuhr zurück nach Hause. Ich hatte nicht damit gerechnet, aber Karen war noch da. Sie war nicht weggegangen, sondern schlief. Am nächsten Tag setzten wir uns zusammen und beschlossen eine Trennung auf Zeit, um festzustellen, ob unsere Ehe noch Sinn macht.

Einige Zeit später bekamen wir Besuch von Karens Onkel aus den USA. Er war Pastor, eigenar­ti­ger­wei­se mochte ich ihn trotzdem. Er bat mich, ihn zu einer Veranstaltung in Celle zu begleiten. Da er den Weg nicht kannte, begleitete ich ihn. Es war eine christliche Veranstaltung in einem großen Zelt, von draußen war schon der Gesang eines Chores zu hören. Ich dachte bei mir: „Da gehe ich nicht hinein!” doch ich hatte zugesagt. Wir fanden einen Sitzplatz und nachdem der Chor gegangen war, erzählten mehrere Personen aus ihrem Leben mit Gott. „Alles Blödsinn!” erfasste ich, blieb aber sitzen.

Es folgte die Predigt, gehalten von einem Mann ruhiger Stimme. Ich wollte nicht zuhören, aber was er erzählte, war deutlich. Er sprach von Sünde und davon, dass wir alle Sünder sind. Nur Jesus kann uns aus der Sünde befreien. „Sünder, damit meint er mich!” 

Nach der Veranstaltung kaufte ich ein Buch mit dem Titel „Auf der Suche” am dortigen Büchertisch und las bis spät in der Nacht darin. Im Buch ging es darum, dass Gott uns einen neuen Weg aufzeigt, auf dem er uns begleiten wird, sofern wir nur wollen. Ich wollte diese Hilfe und Begleitung und das sagte ich Gott. Das erste Gebet seit meiner Kindheit. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Tief in mir stieg eine Wärme auf und ich spürte, dass Gott dieses Gebet beantwortet hat. Der Hass in mir war verschwunden, wie weggeblasen. Als mich meine Frau auf die Veranstaltung ansprach, sprudelte es nur so aus mir heraus. Ich erzählte ihr von Jesus, was er für mich getan hatte und dass Gott mich liebt. Karen dachte, ich wollte sie – wie sonst wenn es um den Glauben ging – auf den Arm nehmen. Doch bald wusste sie: Es war echt. In meine Frau konnte ich mich daraufhin neu verlieben. Ich begann in der Bibel zu lesen und besuchte den Gottesdienst. Ich konnte gar nicht anders, als allen Menschen von Gottes Liebe zu erzählen. Mein Umfeld spürte deutlich, dass ich mich sehr verändert hatte:

Aus dem hasserfüllten Menschen ist ein neuer Mensch geworden. Die Bibel beschreibt das in Hesekiel 36,26: "Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben."